Bernsteinzimmer von Königsberg nach X
Leseprobe
Die Kisten
Dass pro Kiste mehr als ein Teil verpackt wurde, lässt sich aus der
Verwendung von Federbetten und Steppdecken ableiten. Alfred
Rohde wusste, wie das Bernsteinzimmer für einen längeren Transport zu sichern
war. Die Verwendung dieses Packmaterials spricht dafür, dass pro Einheit mehrere Stücke verpackt wurden. Die Metallplatten für die
Verbindung der Paneele mussten auch verpackt werden. Spiegel und
Glasscheiben werden grundsätzlich stehend und nicht liegend
transportiert. Durch die Schwingungen während der Fahrt würden
diese zerbrechen. Diese Tatsachen lassen Rückschlüsse auf die Form
und Größe der Verpackung zu.
In der Durchfahrt des Albrechttores am Königsberger Schloss wurde
Bernstein gefunden. Das Tor ist nicht besonders breit, und die Straße
bog direkt dahinter stark ab. Der 3-Tonner Opel Blitz 3,6-36 S war
der meistgenutzte Lastwagen der Wehrmacht; seine Pritschen-
Ladefläche maß 3,50 m × 2,12 m. Wahrscheinlich waren einige
Kisten länger als die Ladefläche, weshalb die Ladung bei der
Durchfahrt vermutlich gegen die Wand im Torbogen stieß.
Alle Aussagen wie: Ich habe die Kisten gesehen oder Ich habe auf
den Kisten mit dem Bernsteinzimmer gesessen sind wertlos, wenn man diese
technischen Details nicht kennt oder ignoriert.
Die Beteiligten
August Albert Popp (* 02.05.1904 in Brockau)
Wohnhaft in Elsterberg (Lange Straße 25, später Straße der SA 25).
Er war Standartenführer und Brigadeführer der NSFK-Gruppe 7
Elbe-Saale mit niedriger Parteinummer. Als Neffe und persönlicher
Berater des sächsischen Gauleiters Martin Mutschmann sowie Vetter
von Admiral Canaris war er bestens vernetzt. Er wurde am 9. Februar
durch eine Einlieferung im Museum Weimar identifiziert. Ob Albert Popp
wirklich nach Bad Elster umgezogen ist, kann ich nicht bestätigen.
Wenn ja, hatte es sicher einen strategischen Hintergrund: Durch die
Nähe zur Grenze der damaligen Tschechoslowakei (CSR) ließen sich
Kunstgegenstände der Sammlung Koch womöglich leichter in Richtung Westen
schmuggeln.
Untersuchen wir die Aussage von Rudolf Wyst. (BZR S.205)
Kartentasche des Vaters
Es war üblich, dass Offiziere diese Taschen hatten. Die Inhalte waren
meist Karten, Stifte, Aufzeichnungsmaterial und Befehle. Die Tasche
des Vaters war aus Leder, verschimmelt und durchnässt. Darin waren
Papiere über den Abtransport aus Königsberg. Weiterhin enthielt die Tasche
verschiedene SS-Ausweise mit Passbildern von Gustav Wyst, darunter ein
Ausweis mit der Unterschrift Himmlers.
Der Postschutz wurde in die SS eingegliedert und hatte zu dieser Zeit
ähnliche Uniformen wie die SS, jedoch andere Rangabzeichen.
Der Dienstgrad von Gustav Wyst war Obersturmbannführer, weshalb er der SS zugeordnet werden muss.
Gustav Wyst war aus gesundheitlichen Gründen vom aktiven Dienst
entlassen, aber noch z.b.V..
Befehle und Berichte waren maschinenschriftlich. Ein Schriftstück
hatte den Inhalt, dass das Bernsteinzimmer im Fall einer bevorstehenden
Evakuierung an einen bestimmten Ort zu bringen und wie dieser zu
tarnen sei. Warum konnte Rudolf Wyst den Ort nicht benennen?
War der Ort durch Nässe und Schimmel nicht mehr lesbar?
Der Ort wurde mit BSCH bezeichnet. Das zweite Schriftstück war
eine Meldung über die Ausführung des Auftrages. Kann sich ein
Junge das so exakt ausdenken? Entgegen den Darstellungen in
mehreren Büchern, ist hier keine Sprengung der Zugänge im Bernsteinzimmer-Report
erwähnt.
Auf den Seiten 209/210 des Bernsteinzimmer-Report ist jedoch von einem
Funkspruch die Rede. Rudolf hatte keine Ahnung von dem
Funkspruch. Durch diesen wird die Echtheit des Fundes in der
Kartentasche und die Glaubwürdigkeit von Rudolf Wyst bestätigt.
Zweifel dürfte es nur über den genauen Wortlaut geben.
Das zweite Schriftstück war die Meldung über die Ausführung des
Auftrages. Nach (Bernsteinzimmer-Report S.209) wurde dieser Funkspruch
verschlüsselt abgesetzt. Mit dem im Funkspruch enthaltenen BSCH
über die Ausführung konnte nur der Auftraggeber etwas anfangen.
Da entsteht die Frage: Wer hatte ein Funkgerät und konnte
verschlüsseln bzw. verschlüsselte Meldungen empfangen?
Grundsätzlich wurden geheime Informationen speziell behandelt.
Der Funker konnte nun wissen, es geht um das Bernsteinzimmer; der Ort der
Einlagerung war ihm aber nicht bekannt. Der Grundsatz der
Geheimhaltung, jeder erfährt nur das Notwendige, wurde hier
professionell eingehalten. Der Auftraggeber musste ebenfalls einen
Funkempfänger haben. Da kommen wenige in Betracht. Favorit wäre
die Parteikanzlei unter Martin Bormann.